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Themenwelten Berliner Morgenpost
Wohnen & Gestalten

Offen für jeden

Das Regal macht das Wohnzimmer heimelig und stellt das eigene Leben zur Schau

Das klassische Regal wird leerer, entwickelt dafür aber mehr Schauwert. FOTO: CHRIS TONNESEN

Kaum ein Möbelstück ist so persönlich wie ein Regal. Blickt man hinein, erfährt man so manches über seinen Besitzer. Stehen da Bücher von Goethe, Orwell oder King? Der „Lonely Planet“, die Bibel oder ein Kunstbildband? An seinem Inhalt lässt sich die persönliche Bildungsgeschichte ablesen – oder das, was sein Besitzer davon zeigen will. Der eine präsentiert dort seine Fußballpokale, der andere lieber seine Kakteen. Im einem regieren Ordnung und Übersicht, im anderen das Chaos bedeckt von Staub. Ein Möbelstück, das jeder individuell mit Leben füllen kann. Wer hätte gedacht, dass das Regal erst recht spät in der Menschheitsgeschichte Einzug hielt und womöglich demnächst aussterben könnte.
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Die ersten Regale, wie wir sie kennen, kamen erst im 16. Jahrhundert in Bibliotheken auf. Vorher lagen die damals noch handgeschriebenen wertvollen Bücher auf Stehpulten in Klöstern oder ruhten in schweren verschließbaren Truhen und Schränken. Mit der Erfindung des Buchdrucks gab es mehr Bücher, da lag es nahe, diese platzsparend aufrecht nebeneinander zu platzieren. In den ersten offenen Regalen standen sie häufig rückwärts, also mit dem noch nicht beschrifteten Buchrücken nach hinten. So konnte man sie leichter mit Ketten versehen, mit denen sie an die Regale angeschlossen wurden.

Es muss nicht immer eckig sein

Dass Regale weder rechteckig noch hölzern sein müssen, zeigte 1993 der britische Designer Ron Arad mit seinem „Bookworm“, einem geschwungenen Regal mit runden Seiten, das sich in verschiedenen Spiralen oder S-Formen an die Wand hängen ließ. Als besonders innovativ galt Anfang der 80er-Jahre das Model „Carlton“ des italienischen Designers Ettore Sottsass: Als Raumteiler stand es mitten im Zimmer und sah aus wie eine bunte Skulptur. Das berühmteste Regal ist aber zweifellos das „Billy“ von Ikea, das 1978 vom Schweden Gillis Lundgren entwickelt wurde. Für jeden erschwinglich, ließ es sich durch verstellbare Einlegeböden an die individuellen Bedürfnisse anpassen. Bis heute wurde es mehr als 40 Millionen Mal verkauft.

Die Digitalisierung macht Möbel einerseits intelligenter. So gibt es etwa ein smartes Weinregal namens „Caveasy“, das sich über das Smartphone meldet, wenn die optimale Trinkreife erreicht ist. Andererseits wird das klassische Regal zunehmend leerer, denn die meisten Dinge, mit denen es bisher gefüllt war, kann man jetzt auch platzsparend digital besitzen: Bücher, CDs, Filme, Fotoalben, Zeitschriften oder ganze Enzyklopädien. Um sie zu lagern, braucht man heute keine raumgreifenden Möbel mehr, sondern nur einen Rechner und das Internet.

Neues Statussymbol in sozialen Medien

Offenbar gibt es aber noch jede Menge Menschen, die sich nicht von Billy und Co. verabschieden wollen – im Gegenteil. In den sozialen Medien teilen sie Fotos von sich und ihren geliebten Regalen – sogenannte Shelfies. Das Wort setzt sich zusammen aus „shelf“ (englisch für „Regal“) und „Selfie“ (Foto von sich selbst). Die Fanseite „Bookshelf Porn“ bei Facebook hat mehr als 100.000 Anhänger und unter dem Hashtag „Bookshelf“ finden sich bei Instagram mehr als drei Millionen Beiträge. Auch Schriftsteller und andere Intellektuelle lassen sich immer noch äußerst gerne vor ihren Bücherwänden fotografieren. Alice Ahlers
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