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Themenwelten Berliner Morgenpost
Zukunft gestalten

Berliner Buchtipp: Erzählband „2029 - Geschichten von morgen"

Wer das Morgen in der Belletristik studiert, entdeckt selten Licht am Ende des Tunnels. Erzählungen feiern die Katastrophe. Das sagt mehr über uns aus als über die Zukunft.

Im 19. Jahrhundert beherrschten Technikutopien die Zukunftsbilder in der Literatur – etwa bei Jules Verne. GRAFIK: INHAUSCREATIVE / ISTOCK

Barbara Hoppe 

Einen literarischen Kater gefällig? Wie eine Kugel dringt dem Helden Winston am Ende von George Orwells 1984 die Erkenntnis in den Kopf, dass er den totalitären großen Bruder liebt. Gehirnwäsche abgeschlossen. Utopie Tod. Im 70. Jahr nach der Erstveröffentlichung ist der Klassiker auch 2019 noch das Referenzwerk schlechthin, wenn es um die Totalüberwachung durch den Staat geht. Aber er ist kein Einzelfall. In der Literaturgeschichte ist die Zukunft voller Tyrannei und Zerstörung. Sie überzeichnen oft Fehlentwicklungen, die sich in der Gegenwart andeuten. Glücklicherweise lassen die sich oft abwenden – zumindest kann man das für „1984“ und Deutschland sagen.

Düstere Zukunftsbilder, sogenannte Dystopien, überwiegen in der Literatur. Fehlt den Autorinnen und Autoren die Vorstellungskraft, sich ein glückliches Morgen vorzustellen? „Dystopien lassen sich besser erzählen“, sagt Lektor Winfried Hörning, der beim Suhrkamp Verlag den Erzählband „2029“ betreute. „Sie spiegeln unsere Zukunftsängste wider. Kaum eine Autorin oder ein Autor möchte Ideenromane oder Essays im Sinne eines Thomas Morus und Utopia schreiben“.

Historisch betrachtet gibt es sie natürlich: die Utopie, der Ort für eine bessere Zukunft. Im Jahr 1516 entwarf Thomas Morus in seinem Roman „Utopia“ eine Zukunft, wie er sie sich wünschte – und gab damit einem neuen literarischen Genre einen Namen. Bis heute populär sind Technikutopien von Jules Vernes und H. G. Wells aus dem 19. Jahrhundert. Doch mit den ersten Krisen des 20. Jahrhunderts änderte sich der Tenor in der zukunftsbezogenen Literatur: Totalitäre Staatssysteme, Kriege, wirtschaftliche Ausbeutung, Massenvernichtungswaffen oder jüngst Klimakatastrophen und Herrschaft der Automaten schürten und schüren Ängste. Auch Neuerscheinungen beschäftigen sich mit meist negativen Zukunftsszenarien.

So auch der Erzählband „2029. Geschichten von morgen“, der im Oktober erscheint. Der Herausgeber ist das Futurium zusammen mit NDR und SWR. Elf namhafte Autorinnen und Autoren wurden um Geschichten gebeten, die in zehn Jahren spielen – eine Zeit, die für reine Science-Fiction zu nahe liegt, aber trotzdem Raum für neue Lebenswelten erlaubt.

Das Ende ist immer nah
Junge trifft Mädchen, Mädchen trifft Roboter: Autorin Emma Braslavsky interessieren Geschichten von der Zukunft, die emotional im Heute verwurzelt sind. GRAFIK: DEVRIMB / ISTOCK
Junge trifft Mädchen, Mädchen trifft Roboter: Autorin Emma Braslavsky interessieren Geschichten von der Zukunft, die emotional im Heute verwurzelt sind. GRAFIK: DEVRIMB / ISTOCK
Emma Braslavsky etwa, die bereits seit 2010 den Hörcomic „Agent Zukunft“ schreibt und als Kuratorin auch in der bildenden Kunst zu Hause ist, unterscheidet längst nicht mehr zwischen Utopie und Dystopie. „Reine Zustandserhaltung oder apokalyptische Zustandsbeschreibungen sind unterkomplex und oft kontraproduktiv“, so die Autorin. „Ein positives Zukunftsszenarium ist für mich ein Ort, an dem ich mich identifizieren und gefühlsmäßig wiederfinden kann.“ Postapokalyptische Wüsten oder Truman-Show-hafte Landschaften seien den meisten fern. „Aber eine Versuchsanordnung, in der sich eine bekannte Paartherapeutin heimlich einen idealen Roboter-Partner bestellt, um dann an ihren Idealen zu scheitern, ist leichter gefühlsmäßig zu verstehen.“ Das jedenfalls ist die Geschichte, die sie zum Projekt „2029“ beitrug.

Ob von Clemens J. Setz, Bachmann-Preisträger Leif Randt, Vea Kaiser oder Olga Grjasnowa – „2029“ sind Geschichten, die bedrücken und Unbehagen auslösen. Künstliche Superintelligenz, permanente (Selbst-)Optimierung einhergehend mit beständiger Überwachung sowie Überwindung von Krankheit und Tod sind die vorherrschenden Themen. Doch ohne Hoffnung sieht Suhrkamp- Lektor Winfried Hörning die Kurzgeschichten nicht. „Der Mensch und das Menschsein haben in allen Geschichten einen sehr hohen Wert. Er ist nicht kopierbar. Das ist ein durchgehend positiver Zug in dem Buch.“

Problem Kitschfalle

Den Spagat zwischen Wirklichkeit und Fiktion kennt auch Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit. In seiner Erzählung „Das Haus“ erlebt ein Journalist den Albtraum vom Eigenheim, das im Dienste eines totalitären Systems zum Feind seines Besitzers wird. Kurbjuweits eigenes Leben sieht jedoch ganz anders aus: „Für mich persönlich ist erstaunlich, dass ich meine Zukunft immer skeptisch gesehen habe, meine Gegenwart aber fast immer wunderbar war.“ Natürlich treffe das auch auf die ehemalige Zukunft zu, die zunächst so düster erschien. Trotzdem bleibt er Pessimist. Warum? „Vielleicht ist es die Sorge, das eigene Leben könne zum Kitsch werden. Die weitgehend gelungene Gegenwart braucht als Ausgleich eine traurige Zukunft.“

Dystopien funktionieren wie Warnungen. Wenn sie nicht wahr werden – wie 1984 – ertragen wir umso dankbarer den nicht erzählenswerten Alltag.
   

Lesetipp

Das Abenteuer Übermorgen Image 1
2029 Geschichten von morgen

Mit einem Nachwort von Reinhold Popp

Hg.: Stefan Brandt, Christian Granderath, Manfred Hattendorf

Mit Erzählungen von Emma Braslavsky, Dietmar Dath, Karl Wolfgang Flender, Thomas Glavinic, Olga Grjasnowa, Vea Kaiser, Dirk Kurbjuweit, Leif Randt, Clemens J. Setz, Nis-Momme Stockmann und Simon Urban.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019 gepl. Erscheinungstermin: 28. Oktober 2019 542 Seiten, 18 Euro
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