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Zukunft gestalten

Berliner Futurium Lab: Zukunftslabor zur künstlichen Kreativität

Künstliche Intelligenz erweitert sich zur künstlichen Kreativität. Im Zukunftslabor des Futurium kann man damit experimentieren.

Gene Kogans „Cubist Mirror“ überträgt die Bewegungen von Besuchern auf den Stil berühmter Gemälde. FOTO: RONALD KLEIN

Ronald Klein  

Unter einem Laboratorium versteht man in der Regel einen Untersuchungsraum für technische Forschungsarbeiten. Das Futurium Lab definiert sich als Experimentierfeld, in dem Ideen für die Zukunftsgestaltung ausprobiert werden können. Aufgeteilt sind die Räumlichkeiten in drei Bereiche: Architektur, Biodesign und Künstliche Kreativität. 13 Künstler zeichnen für das Showcase verantwortlich. „Die Exponate dienen der Wissenschaftskommunikation“, erklärt Stefanie Holzheu, Referentin im Futurium Lab. „Sämtliche Exponate dürfen angefasst und ausprobiert werden.“

Blickfang im Lab ist ein mehrere Meter hohes und ebenso breites Objekt, das entfernt an eine Wolke erinnert. In Intervallen leuchtet, bebt und klingt es sogar. Es reagiert auf die Impulse der Personen, die sich ihm nähern. Die „Noosphäre“ (dt. Sphäre des menschlichen Geistes) ist jedoch weit mehr als ein interaktives Kunstwerk. Konzipiert von einem kanadischen Designteam um den Architekten und bildenden Künstler Philip Beesley, deuten sich hier Aspekte einer Architektur der Zukunft an, die auf synthetischer Biologie und künstlicher Intelligenz basiert. Mikroprozessoren und Sensoren messen permanent Daten ihrer unmittelbaren Umgebung und interpretieren diese. So könnte sich Architektur an Bedürfnisse von Bewohnern oder Nutzern von Gebäuden anpassen. Der Oberflächenbelag, bestehend aus Öl, anorganischen Chemikalien und wässrigen Lösungen, könnte als sich selbst erneuerndes Material Erosionsschäden oder Abnutzungserscheinungen entgegenwirken.
Die interaktive Installation „Noosphere“ des kanadischen Architekten Philip Beesley reagiert erregt auf seine Betrachter. FOTO: SANG LEE
Die interaktive Installation „Noosphere“ des kanadischen Architekten Philip Beesley reagiert erregt auf seine Betrachter. FOTO: SANG LEE
Kreative Intelligenz als inspirierende Muse

Während die künstliche Intelligenz die Kreativität eines Architektenteams unterstützt, könnte die Rolle des Menschen in Bezug auf kreative Prozesse auch minimiert werden. „Es gibt hierzu unterschiedliche Ansätze, die wir nicht bewerten, aber darstellen wollen“, betont Holzheu. Einige Künstler betrachten die Künstliche Intelligenz als eine „Muse“, die zur Inspiration für die eigene Kreativität dient. Es gibt ebenso die Überlegung, dass die KI selbst kreativ wird. „Bisher werden KI-Systeme von Menschen programmiert“, erläutert Holzheu. „Der Mechanismus von Kreativität ist aber bisher weder klar definiert noch erforscht.“ Immerhin scheint es deutlich, dass Inhalte des Langzeitgedächtnisses auf produktive Art und Weise miteinander verknüpft werden. Wie das genau geschieht, stellt Wissenschaftler jedoch vor Rätsel. Der Informatiker und Physiker Paul Lukowicz vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz geht davon aus, dass Kunst in der nächster Zeit ausschließlich von Menschen geschaffen werde, da selbst Deep- Learning-Systeme darauf basieren, dass sie statistische Analysen anhand riesiger Datenmengen vornehmen. Was sie jedoch nicht leisten können, sei die Reflexion von Zeitgeist.

Was an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Kreativität möglich ist, illustriert beispielsweise der Programmierer und Künstler Gene Kogan. Wer sich vor seinen etwa vier Meter hohen „Cubist Mirror“ stellt, erblickt in der rechten oberen Ecke sein Spiegelbild, das von einer Webcam aufgenommen wird. Daneben befinden sich unterschiedliche Referenzgemälde, Klassiker von Edvard Munch oder Vincent van Gogh. Die Künstliche Intelligenz überträgt in Echtzeit den spezifischen Stil des Bildes auf die Bewegungen des Besuchers, der nun als riesiges Gemälde erscheint. „Allein ein Grafikfilter könnte das nicht realisieren, hierfür wird die KI benötigt“, erklärt Holzheu. Zwei weitere von Kogan geschaffene Stationen illustrieren, wie neuronale Netze dafür sorgen, dass ein paar gezeichnete Striche in eine beeindruckende Landschaftsmalerei übertragen werden. Ebenso ist es möglich, dass mittels weniger überdimensionaler Puzzleteile, die Besucher beliebig anordnen können, eine Landschaftsfotografie entsteht, wie sie beispielsweise durch Google Maps bekannt ist. Für Städteplaner dürfte es sich um eine die Arbeit erleichternde Technologie handeln. Jedoch kommt die Frage auf, wie authentisch tatsächlich Fotos sind.

Ebenfalls drei Stationen gestaltete der Sounddesigner Felipe Sanchez Luna von Kling Klang Klong. Besucher können ein virtuelles Orchester dirigieren und dabei unter anderem Klangfülle und Tempo beeinflussen. Oder warum nicht selbst komponieren? Mittels weniger Dreh- und Druckregler, die am Bildschirm bedient werden, lassen sich Melodie, Klangfarbe und Musikstil festlegen. Was einfach wirkt, basiert auf riesigen Datenmengen, mit denen die KI-Systeme gespeist wurden. Diese unterstützen kreative Prozesse. Künstliche Intelligenz ist funktional und moralisch weder gut noch böse, da ihr das Bewusstsein fehlt. Dass sie trotzdem auch zu fragwürdigen Zwecken eingesetzt werden kann, illustriert das auf Gesichtserkennung basierende Exponat „Smile to Vote“ von Alexander Peterhaensel. Besucher betreten eine Wahlkabine und lächeln in einen Spiegel. Währenddessen gleicht die KI die Gesichter mit denen von Politikern ab und wählt automatisch deren Partei.
   
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