Anzeige
Themenwelten Berliner Morgenpost
Zukunft gestalten

Stadt der Begegnung

Bleiben die Metropolen der Zukunft lebenswerte Orte? Das hängt auch davon ab, wie wir Freiräume gemeinsam nutzen

Fließende Übergänge zwischen privat und öffentlich: Beim Projekt „Green Spine“ von UN-Studio klettern die Parks bis auf die Dächer der Wohntürme. GRAFIKEN: NORM LI/UNSTUDIO/ATELIER TEN

Jan Ahrenberg  

Was macht die Stadt zur Stadt? Einfach gesagt: das Gegenteil von Einsiedelei. Trivial ist die Antwort dennoch nicht, auch wenn sie einem Wunschdenken entspringt. Denn ein intaktes soziales Gefüge entwickeln Städte meist nicht von allein.

Tatsächlich gehört die Anonymität urbaner Siedlungen von je her zu ihren größten Makeln. Hier: das Dorf mit seinem intakten sozialen Gefüge. Dort: der Moloch Großstadt, in deren Weiten sich der Einzelne verliert. Ist es wirklich so einfach? „Menschen wollen beides: urbane und rurale Lebensqualität“, lautet eine Erkenntnis der Studie „Futopolis – Stadt, Land, Zukunft“ von 2018, an der auch die Berliner Architekturbüro Graft beteiligt war. Das macht die Sache auch nicht gerade einfacher.

Treffpunkt „Dritter Ort“
Stadt der Begegnung Image 1
Der US-amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburger stellte bereits 1989 in seinem Standardwerk „The great good place“ eine Lösung in Form eines eleganten Dreisatzes vor, die heute Schule macht: Neben dem „first place“ („erster Ort“), dem Zuhause, und dem „second place“ („zweiter Ort“), dem Arbeitsplatz, bedürfe es weitestgehend kommerzfreier „third places“ („dritte Orte“), an denen sich die Bewohner treffen können.

Die deutschen Städte haben in dieser Hinsicht einiges nachzuholen: Wohnraumverknappung und steigende Lebenshaltungskosten setzen die Freiräume mit niederschwelligem Angebot seit Jahren unter Druck. Wer das Geld hat, und das sind eher die Investoren als die Kommunen, gibt den Ton an.

Die Skandinavier machen es uns vor: „In Kopenhagen sind zum Beispiel Gemeindezentren entstanden, die neben Theater, Jugendclubs oder Bibliotheken auch Bürgerdienste wie zum Beispiel ein Einwohnermeldeamt beherbergen“, sagt Wolf-Christian Strauss vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). „Dadurch gibt es Laufkundschaft, das auf das Angebot vor Ort aufmerksam wird und bestenfalls wiederkommt.“

Das Land Nordrhein-Westfalen greift den Trend bereits auf und hat aktuell ein Förderprogramm für 17 Konzepte aufgelegt, dass vor allem Bibliotheken in den Blick nimmt. Das im Oktober startende Projekt trägt den sprechenden Titel „Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung in ländlichen Räumen“. Wie im antiken Alexandria dienen die Bibliotheken hier als Leuchttürme, deren kulturelles Leben in die Diaspora ausstrahlt.

„Viele Trends, die heute für die Zukunft der Städte ausgerufen werden, haben einen sehr alten Ursprung“, sagt Wolf-Christian Strauss. Dass etwa die Wiege der Demokratie ein Versammlungsplatz im antiken Griechenland war, komme nicht von ungefähr – Menschen hätten das Bedürfnis, einander zu begegnen und sich auszutauschen.

Wo immer dafür Platz geschaffen wird, entstehen Ideen und Innovationen. Die Entwicklung der Menschheit ist und war somit immer auch eine Raumfrage. Vor allem Projektentwickler haben das längst begriffen – in der modernen „sharing society“ (Gesellschaft des Teilens), in der das gemeinsam Nutzen von Gütern wichtiger wird als deren Besitz, liegen gemeinsam genutzte Wohn- und Lebensräume im Trend. Sogenannte „private public spaces“ (private öffentliche Orte) und „shared spaces“ (geteilte Räume) entstehen derzeit rund um den Globus. Und formen die Städte mit, in denen wir morgen leben.

Beispiel Melbourne: Hier baut UN-Studio den Doppelhochauskomplex „Green Spine“ (Grünes Rückgrat), dessen bepflanzte Dachterrassen und Balkone sich als Parkflächen in die Nachbarschaft ergießen und so neue Begegnungsräume schaffen. Große Flächen auf den Sockelgeschossen beheimaten Cafés, Restaurants und Einzelhandel. Die Türme vernetzten sich mit dem grünen Stadtraum und erweitern ihn.

Fitness auf dem Dach
Ein Platz an der Sonne zwischen Vergangenheit und Zukunft: London Wall Place von Make Architects. FOTO: MARTINA FERRERA / MAKE ARCHITECT
Ein Platz an der Sonne zwischen Vergangenheit und Zukunft: London Wall Place von Make Architects. FOTO: MARTINA FERRERA / MAKE ARCHITECT
Auch die Gemeinschaftsflächen in Wohneigentumsanlagen spiegeln den Trend: Gehören gemeinsame Partyräume, Dachterrassen oder Pools inzwischen fast schon zum Standard, spinnt das italienische Architekturbüro Peter Pichler die Idee längst weiter – und spendiert den „Looping Towers“ in der niederländischen Stadt Maarssen zusätzlich eine hauseigene Joggingstrecke auf dem Dach. Und in London erschließen Make Architects im Auftrag einer Entwicklergemeinschaft den Stadtraum zwischen zwei Bürogebäuden – mit öffentlichen Gärten, Hochwegen und Ruheplätzen. Und setzen dabei sogar noch die Überreste der alten Stadtmauer in Szene. Eine Stück öffentlicher Raum ist entstanden. Aus privater Hand.

„Es ist eine Frage des gesellschaftlichen und politischen Willens, will man den Investoren das Spielfeld nicht ganz überlassen“, sagt Wolfgang Putz von der Berliner Graft-Gesellschaft für Architekten. Dritte Orte gibt es in Berlin einige, etwa den Park am Gleisdreieck, an dem Graft selbst mit dem Bau der temporären Brlo-Brauerei mitgewirkt hat. „Aber es ist das Schicksal von Zwischennutzungen, irgendwann einem Investorenprojekt zu weichen.“ Deshalb wäre es gut, wenn Berlin die letzten Freiflächen mit Rücksicht auf die Bürgerwünsche entwickelt. „Auf den alten Flughäfen könnten zum Beispiel ökologische und soziale Vorzeigesiedlungen entstehen“, sagt Putz. Innerstädtisch seien die Freiflächen ansonsten fast ausgereizt. „Nun wandert das Phänomen an die Ränder. Entlang der oberen Spree ist noch Platz.“

Dort, wo sich Stadt und Land treffen, findet sich vielleicht auch jener dritte Ort, der dörfliches Leben mit urbanen Qualitäten verbindet. Aber das ist nun wirklich noch Zukunftsmusik.
   
Weitere Artikel