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Themenwelten Berliner Morgenpost
Zukunft gestalten

Technische Helfer fürs Gesundsein

In Zukunft nehmen Patienten ihre Heilung immer mehr selbst in die Hand. Das wird die Rolle des Arztes verändern

CYANO66, HOMETOWNCD / ISTOCK

Judith Jenner  

Als „einen Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“, der sich nicht allein durch das Fehlen von Krankheit und Gebrechen auszeichnet, definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit. Diesen Zustand zu erreichen, nehmen immer mehr Menschen selbst in die Hand. „Ging es bei dem Thema Gesundheit lange Zeit vor allem um die Bekämpfung von Krankheiten, hat sich der Fokus zunehmend auf die Verhinderung von Krankheiten verschoben, auf Prävention“, erklärt Verena Muntschick vom Frankfurter Zukunftsinstitut.

Gesund zu bleiben, ist eine der Triebfedern des modernen Individuums. Die Zukunftsforscherin beobachtet einen regelrechten Selbstoptimierungsdrang, ein Trend, der auch auf die Werte einer Leistungsgesellschaft zurückzuführen ist. Gesundheitsarbeit ist zum Lebenssinn geworden und gilt als Statussymbol so wie früher das schicke Auto. Der technische Fortschritt unterstützt diese Tendenz: In vielen Handys ist bereits ein Schrittzähler vorinstalliert. Die neue Apple Watch kommt mit einer EKG-App. Der Markt für Wearables wie Fitness- Armbänder wird laut einer Erhebung der International Data Corporation (IDC) auch in Zukunft weiter wachsen.

Auch Tech-Firmen wie Google, Apple oder Amazon haben sich in den vergangenen Jahren viele Patente im Gesundheitssektor gesichert, die von der Früherkennung von Krankheiten durch die Messung von Vitalparametern bis hin zu Online- Apotheken reichen. Der 2013 in England online gegangene Chatbot Babylon Health berät inzwischen Patienten rund um den Globus mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI).

„Gerade für Menschen in strukturschwachen Regionen und schwer erkrankte Patienten ist Telemedizin ein Vorteil. Sie haben damit Zugang zu spezialisierten Ärzten, ohne große Entfernungen überwinden zu müssen“

Heike Weinert,
Techniker-Krankenkasse

Visite per App und Video

Werden Ärzte also bald überflüssig? Verena Muntschick sieht die Rolle der Mediziner mehr und mehr als Kontextualisierer und Vermittler, die maschinell erstellte Ergebnisse beurteilen und einordnen, Aussagen über Symptome bewerten und Behandlungsvorschläge vermitteln. „Das wird auch deshalb wichtig, weil Menschen zunehmend an Informationen und am Behandlungsprozess teilhaben und ihn selbstbestimmt mitentscheiden wollen“, sagt sie.

Diese Patientengespräche werden in Zukunft wohl immer

häufiger übers Telefon oder per Videokonferenz erfolgen. Heike Weinert von der Techniker-Krankenkasse geht davon aus, dass telemedizinische Sprechstunden selbstverständlich werden. „Gerade für Menschen in strukturschwachen Regionen und schwer erkrankte Patienten ist das ein großer Vorteil. Denn sie haben damit Zugang zu spezialisierten Ärzten, ohne große Entfernungen überwinden zu müssen“, erläutert sie.

Großes Potenzial für Diagnostik und Behandlung sieht Heike Weinert in der KI: „Mit ihrer Hilfe können große Datenmengen analysiert werden, um auf diese Weise zum Beispiel Krankheitsverläufe von Menschen in der ganzen Welt abzugleichen und die besten Behandlungsoptionen zu ermitteln.“

Insgesamt wird die Medizin, so Heike Weinert, individueller, schneller und besser verfügbar sein. Das gilt auch für die Prävention von Krankheiten: Durch die Auswertung großer Datenmengen wird es möglich sein, bessere Rückschlüsse auf ihre Ursachen zu ziehen und damit Ausbruch und Verlauf der Erkrankungen verhindern oder zu verzögern. Dank besserer diagnostischer Methoden werden Früherkennungsuntersuchungen zudem genauer.
Die Gesundheit im Blick: Smarte Technik beispielsweise im Spiegel hilft uns im Alltag, die Vitaldaten im Blick zu behalten und Probleme frühzeitig zu erkennen. FOTO: METAMORWORKS / ISTOCKPHOTO
Die Gesundheit im Blick: Smarte Technik beispielsweise im Spiegel hilft uns im Alltag, die Vitaldaten im Blick zu behalten und Probleme frühzeitig zu erkennen. FOTO: METAMORWORKS / ISTOCKPHOTO
Das große Interesse an Gesundheitsthemen und Präventionsangeboten hat laut Heike Weinert längst nicht alle Bevölkerungsgruppen erreicht. Sie beobachtet, dass sich in den vergangenen Jahren eine Schere aufgetan hat zwischen Menschen, die sehr gesundheitsbewusst leben und Menschen, die für gesundes Leben schwer zu motivieren sind. „Wir erkennen das daran, dass typischerweise diejenigen Gesundheitskurse belegen, die sowieso schon gesund leben“, sagt sie.

Grundrecht Gesundheit

Hier sei nun wieder die Gesellschaft gefragt: Betriebliches Gesundheitsmanagement und andere Präventionsangebote, die direkt im Leben der Menschen ansetzen, werden ihrer Ansicht nach an Bedeutung gewinnen. Angefangen bei der Gesundheitsförderung in der Kita über die Schule bis zum Studium.

Auch Zukunftsforscherin Verena Muntschick beobachtet ein Umdenken: Die Menschen werden sich immer mehr der äußeren Faktoren bewusst, die auf ihre Gesundheit Einfluss nehmen, wie etwa die Qualität der Nahrungsmittel oder die Luftqualität – vor allem in Städten. Faktoren, die sie selbst gar nicht so sehr beeinflussen können, da die Verantwortung dafür in den Händen der Wirtschaft und der Politik liegt. Die Folge sind zum Beispiel Klima-Demos oder Proteste gegen gesundheitsschädliche Pestizide.

„Die Menschen möchten lange und gut leben. Und dafür ist Gesundheit eine essenzielle Voraussetzung, die nicht nur zum Lebenssinn und –ziel werden kann, sondern auch immer mehr als ein Grundrecht, als ein Standard bei ökonomischen Fragen und Entscheidungen eingefordert wird“, sagt Verena Muntschick. Vielleicht ist das ja der richtige Schritt auf dem Weg zum vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden.
   
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